05_Möglichkeitsbedingungen und Folgen des automatisierten Fahrens

Arbeitspaket 05 nimmt die Perspektive der Innovationsforschung ein: Im soziotechnischen System Mobilität interagieren Technik, Infrastruktur, Personen und Institutionen in vielfältiger Weise. Das Arbeitspaket widmet sich möglichen Wechselwirkungen des automatisierten Fahrens mit diesem System. In der ersten Phase wurden Erwartungen und Wahrnehmungen von Laien untersucht im Hinblick auf ein mögliches „Vehicle-on-Demand“-Szenario, das effiziente und umweltschonendere Mobilitätsdienstleistungskonzepte verspricht, zugleich aber soziotechnisch besonders herausfordernd ist. In der zweiten Phase werden die Potentiale transdisziplinärer Forschung für die Auseinandersetzung mit möglichen gesellschaftlichen Folgen des automatisierten Fahrens untersucht (z.B. betreffend die Interaktion zwischen automatisierten Fahrzeugen und vulnerablen Verkehrsteilnehmern sowie die Auseinandersetzung öffentlicher Institutionen mit möglichen Mobilitätszukünften).

Überblick

Das Arbeitspaket 05 ergänzt Forschung zu automatisiertem Fahren um eine komplementäre Perspektive: die der mobilitätsbezogenen Innovationsforschung. Analytischer Ausgangspunkt ist dabei die Beobachtung, dass Personenmobilität in soziotechnischen Systemen vollzogen wird, in denen Techniken, Infrastrukturen, menschliches Verhalten und Institutionen in vielfältiger Weise interagieren. Durch eine Markteinführung automatisierten Fahrens (AF) wird dieses komplexe System modifiziert. Beispielsweise:

  • werden neue Optionen für bisher aus unterschiedlichen Gründen ausgeschlossene Gruppen eröffnet,
  • treten technische Systeme als selbständig handelnde Akteure in das Verkehrssystem ein,
  • müssen neue Formen der Kooperation zwischen Mensch – als Nutzer des Verkehrsmittels wie auch als Interaktionspartner im Verkehrsgeschehen – und Technik erprobt und ggf. auch rechtlich, ethisch und sozial bewertet werden,
  • müssen neue Formen der Kooperation auch zwischen Unternehmen und öffentlichen Institutionen erprobt und ggf. Abwägungskriterien für Entscheidungen neu balanciert werden.

Phase I: Perspektive auf Bürgerinnen und Bürger

Erwartungen und Wahrnehmungen von Bürgerinnen und Bürgern hinsichtlich dieser und anderer neuer Möglichkeiten und Folgen des technischen Wandels sind ein wichtiger Einflussfaktor auf die weitere Entwicklung des AF und seine Akzeptanz.

Was erwarten Bürgerinnen und Bürger vom automatisierten Fahren?

In der ersten Phase wurden Erwartungen und Wahrnehmungen von Laien hinsichtlich des AF empirisch untersucht. Ausgangsszenario ist das „Vehicle on Demand“ (VoD) – ein Fahrzeug, das auf Anfrage selbständig zum Nutzer kommt und nach Beendigung der Fahrt auch wieder selbständig in eine Parkposition zurückkehrt oder anderen Nutzern zur Verfügung steht. Dieses Szenario setzt die Entwicklungsvision der erweiterten Teilhabe an individueller motorisierter Mobilität für bisher ausgeschlossene Nutzergruppen konsequent um. Es eröffnet viele essentiell neue Mobilitätsdienstleistungskonzepte für ressourceneffizienteren umweltschonenderen Verkehr, zugleich ist seine soziotechnische Realisierung aber auch besonders anspruchsvoll.

Folgende Arbeitsschritte wurden umgesetzt:

  • Umfassende Analyse vorliegender empirischer Studien zu VoD bzw. vergleichbaren Anwendungsszenarien;
  • Entwicklung und Umsetzung eigener empirischer Module (Abb. 1) mit unterschiedlichen Anwendergruppen, u.a. Eltern schulpflichtiger Kinder, mobilitätseingeschränkten Senioren und Jugendlichen;
  • Verknüpfung der so erhobenen Wahrnehmungen und Handlungserwartungen von Bürgerinnen und Bürgern mit den wissenschaftlichen Diskussionen zu Konzepten von AF.

Die explorativ-qualitative Vorgehensweise bietet neben eigenständigen Resultaten auch die Option, gewonnene Erkenntnisse für die Entwicklung zukünftiger quantitativer empirischer Module und von Design-Kriterien für AF zu nutzen. Das Tech Center a-drive bietet für diese Arbeiten ein hervorragendes interdisziplinäres Umfeld an.

Abb. 1: Dialogveranstaltung mit Bürgerinnen und Bürgern. (Foto: André Wagenzik)

Phase II: Perspektive auf Potentiale transdisziplinärer Forschung

In der zweiten Phase ist das Forschungsziel eine Analyse, inwiefern zukünftig transdisziplinäre Forschung dabei helfen kann, sich mit den sozialen Möglichkeitsbedingungen und möglichen gesellschaftlichen Folgewirkungen des AF auseinanderzusetzen. Dabei werden insbesondere folgende Fragen behandelt:

  • Welche bürgerwissenschaftlichen Ansätze erscheinen geeignet, um zu neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen zu gelangen und die Interaktion zwischen automatisierten Fahrzeugen und anderen Verkehrsteilnehmern zu untersuchen, insbesondere vulnerablen Verkehrsteilnehmern?
  • Für welche Arten von Fragestellungen könnten Reallabore ein geeigneter Ansatz sein und welche Akteure könnten darin eine Rolle spielen?

KIT-ITAS hat umfangreiche Erfahrungen mit Reallaborforschung. Im Rahmen des Teilprojekts wird untersucht, wie derlei Ansätze zusätzlichen Raum für transdisziplinäre Forschung und Reflektion bieten können.

Heute existierende Testfelder bieten einen technischen Rahmen, um neue Technologien und ihre Anwendungen zu testen. In einem transdisziplinären Ansatz würde die Forschungsperspektive erweitert um die Perspektive von Bürgerinnen und Bürgern sowie diejenige von Institutionen jenseits der Forschung und der Fahrzeugindustrie, um gemeinsam Forschungsbedarf zu identifizieren und Auswirkungen von AF zu untersuchen (Abb. 2). Dies würde außerdem neue wissenschaftliche Erkenntnisse im Hinblick auf die Rollen und Interessen solcher Institutionen sowie der breiten Öffentlichkeit im Innovationsprozess ermöglichen.

Zur Veranschaulichung dieser Potentiale transdisziplinärer Forschung wird unter anderem die Interaktion zwischen automatisierten Fahrzeugen und anderen Verkehrsteilnehmern adressiert, insbesondere die Interaktion mit vulnerablen Verkehrsteilnehmern. Ein weiterer Schwerpunkt wird sich mit einer möglichen organisatorischen Ausgestaltung befassen, durch die öffentliche Institutionen in die Lage versetzt werden sollen, sich mit umsetzbaren und/oder wünschenswerten Mobilitätszukünften und der Rolle von AF darin auseinanderzusetzen.

Fig. 1: Dimensionen der Akzeptabilität von AF

 

Laufzeit: 2016 - 2020

Tech Center a-drive Partner:

Karlsruher Institut für Technologie (KIT) - Institut für Technikfolgenabschätzung und Systemanalyse